Mehr Haltung wagen
- Caspar Reimer
- vor 8 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Es gibt Zeiten, da scheint es, als stehe man mit seiner Meinung allein da. Das ist keine Kleinigkeit, über die sich mir nichts, dir nichts hinweggehen lässt, sondern kommt im schlimmsten Fall einer Kränkung gleich, die, bleibt die Abschüssigkeit der eigenen Meinung längere Zeit bestehen und macht die Person deshalb Erfahrungen mit sozialem Ausschluss, in einer ernsthaften psychischen Erkrankung münden kann. Es braucht Nerven, die Drahtseilen gleichen, eine unliebsame Meinung gegen die stetigen Angriffe von aussen zu verteidigen. Hinzu kommt, dass der Mensch ein soziales Wesen ist. So würde es wohl keine mental halbwegs gesunde Person auf Dauer aushalten, unter Anfeindung all ihrer Mitmenschen zu leben.
Geht es um Meinungen, ist es freilich lohnend, sich zu vergegenwärtigen, dass man ganz objektiv völlig unterschiedliche Meinungen haben kann. Beharrt der eine darauf, Politik und Medien schimpfen ihn den Putinversteher, die Osterweiterung der NATO und die Einmischung westlicher Länder in die Politik der Ukraine – beides Fakten! – sei eine Provokation gegen Russland und eigentliche Ursache oder Mitursache des Konflikts, verweist der andere auf die Aggression Russlands an sich, auf den Krieg und seine Opfer als solches, zieht die grellrote Karte, oft mit Verweis auf politische Repression und die Menschenrechtslage in Russland, und kommt, verständlicherweise vom täglichen Zuschauen im Kriegsliveticker, zum Gefühlsschluss, dass an der Bedrohung durch das grosse Steppenreich für ganz Europa womöglich oder ganz sicher etwas dran sei. Aufrüstung und Kriegstüchtigkeit deshalb: alternativlos! Während diese Seite die andere der Verharmlosung von Putins Krieg bezichtigt, beschimpft jene wiederum die andere der Kriegstreiberei, weil sie Russland dämonisiere, der Diplomatie den Stecker ziehe, eine Eskalation herbeischreie. Darauf wird – mit Verweis, dass es sich um ein Faktum handelt (!) – die Völkerrechtswidrigkeit des russischen Angriffs betont, wobei sich hier von der anderen Seite natürlich prompt einfahren liesse, dass die USA faktisch (!!), ständig und nicht erst seit Trump irgendwelche Angriffe oder Geheimdienstoperationen (!!!) in anderen Ländern unternehmen und dabei verlässlich auf das Völkerrecht pfeifen (pfeifen!), so geschehen, um nur wenige Beispiele zu nennen, in Venezuela, im Irak, in Jugoslawien, in Sudan, Panama, Grenada oder Chile – auch alles Fakten, ja! An diesem Punkt entgegnete das andere Ufer, freilich bereits genervt und entrüstet: Das sei doch nichts weiter als ein «Whataboutismus», ein faktisches Unrecht lasse sich nicht gegen ein anderes faktisches Unrecht – hier überschlüge sich die Stimme – entschuldigen: Russland habe die Ukraine angegriffen, das sei Fakt, und damit basta! Spätestens da stünden die Zeichen auf Eskalation. Die Argumente – oder wie es heute heisst: die Narrative – sind bekannt, ausgetauscht, vielleicht sogar ausgelutscht, ausgeleiert. Ich habe mit meiner KI über den Konflikt diskutiert. Sie gab mir recht, dass an beiden gerade geschilderten Positionen etwas dran sei. Welche Meinung man nun vertrete, hänge von der Perspektive, von der Haltung ab. Auch der Putinversteher dürfte zur Einsicht gekommen sein, dass es nicht lohnend ist, sich gängiger Meinungen wegen, die sogar eine KI nachplappern kann, mit Freunden und Verwandten in die Haare zu geraten.
Haltung also. Eine wäre zum Beispiel, wenn man, wie Kurt Tucholsky vor bald 100 Jahren, sagte: «Soldaten sind Mörder». Ja, der Schriftsteller wusste, wovon er sprach und schrieb, hatte er sich doch seine Bleikugeln im Ersten Weltkrieg als Soldat abverdient. Verträte man also diese Haltung, gelte sie für alle Soldaten – egal, welcher Flagge sie gerade den Kadavergehorsam erweisen. Eine klare Kante gegen Krieg, seine Institutionen, Denkschulen und Dummschwätzer. Das ist es, was heute fehlt.

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