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Rainer

Rainer, 39, gross gewachsen und stets frisch rasiert, lebt nun schon seit gut siebzehn Jahren in unserem Land. Indem er sich damals eine lukrative Stelle bei einer Versicherung ergatterte, konnte er der trost- und arbeitslosen ostdeutschen Tristesse entfliehen und nach einiger Zeit sogar die Kaderposition eines pensionierten Kollegen übernehmen. Die Qualifikationen hierfür hatte er doch allemal. Und ja, jetzt ist es endlich soweit: Dank den glücklichen Fügungen des Schicksals ist er vor kurzem in sein langersehntes Eigenheim, in seinen ganz persönlichen und privaten Traumhaus-Bau eingezogen. Somit sollte sich bestimmt auch bald mal eine Frau finden. Oder zumindest die Chancen darauf sich erheblich erhöhen.


Ja, Rainer besitzt von jetzt an für seine beiden schnittigen Schlitten zwei Garagen, an denen direkt der Unterstand für die Motorräder angegliedert ist, drei Etagen

Lebensraum mit einer sehenswerten Terrasse und nicht zu vergessen den üppigen Garten inklusive Teich und Pool, welche allesamt wöchentlich gereinigt und gepflegt werden. Kaum zu glauben, wie er seinerzeit in der Heimat Abend für Abend einsam und stumm in der Küche einer abgewrackten Bude sass und, das Kinn in seine zart zu einem Kelch geformten Hände gelegt, traurig die Tischplatte anstarrte, bis dass ihn der Rotwein in einen angenehmen Schlummerzustand rief.


Nun, genauer betrachtet hat sich in dieser Hinsicht eigentlich nicht viel geändert. Auch heute noch sitzt Rainer so da: milchiges Gesicht, fahl-schale Augen, den Unterkiefer abgestützt. Einzig, dass sich ein farbenfroh blinkendes Tablet zwischen seine Nase und den Tisch geschoben hat, macht einen kleinen Unterschied. So verweilt er denn jeweils feierabends alleine und fristet sein Dasein da, auf dem edlen Hocker, bis sich der Kelch vor Erschöpfung öffnet, der Kopf seitwärts auf den ausgestreckten Arm gleitet und er schnarchend und ahnungslos, seinen Rachen weit aufgerissen, auf den nie totzukriegenden und ungestört weiter frisch-fröhlich rumalbernden Bildschirm sabbert.

 
 
 

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