Robert Menasse
- Daniel Costantino
- 9. Juli
- 6 Min. Lesezeit
Eine erste Begegnung
(geschrieben 2020)
Einmal schon hat man den Namen gehört, sein Gesicht gesehen, vielleicht täuscht man sich auch. Bis eines Tages, man dümpelt so être peut-être im Web vor sich hin, auf einer Kulturseite ein Interview mit ihm auftaucht. Der Journalist Peter Niedermair befragt ihn zu seinem Roman „Die Hauptstadt“, für den Menasse 2017 den Deutschen Buchpreis erhalten hat.
Es geht da um die europäische Hauptstadt, ihre Union und ihre Politik. Mal sehen, wie Menasse sich schlägt. Vielleicht kauft man ja dann das Buch.
Ein Stolperstein jedoch zuerst. Im Vorspann zum Interview heisst es, die Jury des Deutschen Buchpreises würdige den Roman als „vielschichtigen Text, der auf meisterhafte Weise existentielle Fragen des Privaten und des Politischen miteinander verwebt und den Leser ins Offene entlässt“.
Eine Buchdeckelreklame, als wäre den ins Garn Gelockten sämtlich der Mund offengeblieben. Dem Preisgekrönten mags gefallen, doch sei den Juroren von der Bücherwerbung einmal geflüstert: manch ein Kunde, dem beim Stöbern im Buchladen derlei Firlefanz vors Auge tanzt, zieht indigniert von dannen. Dass hingegen Sendungen, mit Cioran zu reden, den Gesang ersticken, würde man einem politischen Roman nachsehen. Es versteht sich von selbst, dass ein Autor, der politische Romane schreibt, andere Absichten verfolgt, als der schönen Literatur zuzuliefern.
Denn „die Aufgabe des Romans als Gattung“, hebt Menasse an, sei es, „etwas Relevantes, ja das Prägende einer Epoche zu erzählen.“ Breche ein Krieg aus, gebe es Kriegs- und Antikriegsromane, falle die Berliner Mauer, so weiss er, Mauerfall- und Wiedervereinigungsromane. Heutzutage fänden die aktuellen Themen ihren Widerschein in Romanen, die von Integrationsbemühungen erzählten oder der Unterwerfung des Abendlands unter den Islam.
O haben wir nicht Heerscharen von Feuilletonisten händeringend nach den Mauerfallromanen schreien hören, nach den grossen Wiedervereinigungsromanen, die besten von ihnen ein Vierteljahrhundert lang, bis sie aus Verzweiflung einer nach dem andern von der Brücke sprangen, ach, wohingegen die Minderen des Fachs, die zwar am lautesten gellten, aber die Sache am schnellsten wieder vergassen, doch immer bloss dem nächsten Bombenhagel hinterdrein und mit Tätärä dem Getöse eines spektakulären Turmfalls, das einer neuen, schauderhaften Epoche den Stempel, ja eine ganze Weltordnung aufdrückte? Ihr pathetisches Geheul treibt doch immer die gefrässigsten Sauen durch die globalen Dörfer, und ritsche ratsche, wer nur genug den Kopf verdreht, dem verschlingen sie hinter jeder Ecke ein halbes Dutzend Antikriegsromane.
Die Aufgabe des Kritikers als Gattung ist es, die Dinge zurechtzurücken. Es gibt schon noch ein paar andere Sphären der menschlichen Existenz als die politische, wofür sich das Romaneschreiben lohnt, und manch gutem Buche fliesst das Prägende einer Epoche wie nebenbei zu, wie dem grossen Strom ein heller Bach.
Die EU, spricht Menasse, sei ein menschengemachtes Projekt. Alles Menschengemachte müsse man erzählen können. Als da wären die Rahmenbedingungen des ganzen Kontinents in einer einzigen Stadt produziert, der Friede durch ökonomische Verflechtung, die gemeinschaftliche Unterzeichnung der Menschenrechtsdeklaration - das müsse man doch erzählen, insistiert er, wenn man sich als Romancier ernst nehme, und die Frage sei gewesen, ob man das erzählen könne, und sein Roman sei der Versuch einer Antwort.
Ein kurviges Statement durch Hopp und Stop und Hü. Ein kurviges Gespräch auch im weiteren Verlauf. Menasse, statt die Bögen ruhig und sicher auszufahren, lässt gerne einmal eine Kurve aus und schlägt sich geradeaus in den Busch, vielleicht scheut er das laute Bremsen. Die Shoa zeichnet er als Konsequenz einer Aufspaltung Europas in konkurrierende Nationalstaaten. Das EU-Projekt diene ihrer Überwindung, die Nationen würden durch supranationale Institutionen immer schwächer und stürben langfristig ab.
So wäre denn irgendwie, denkt man Menasse zu Ende, auch der Nationalismus schliesslich verdunstet und praktischerweise alle Möglichkeit zur Shoa nebenher.
Es folgt ein interessantes Spiel mit Worten, die man so oder anders auslegen kann. Es gibt da etwa die menassesche Unterscheidung des Nationalisten vom Patrioten, insonderheit vom städtischen Patrioten, der mit einem ausländischen städtischen Patrioten mehr Gemeinsames habe als mit einem einheimischen Bergbauern. Ob er den zu den Patrioten schlägt oder schon zu den Nationalisten, wird ein in Menasse Beschlagener wohl wissen und ein nur so vor sich hin Lesender halt über den Daumen peilen müssen. Es wäre denn gemeint, ein irgend einheimischer Bergbauer sei schon sui generis ein rechter Nationalist. Ob man das Buch lesen soll?
Gottfried Kellers Verklärung: „Achte eines jeden Vaterland, das deine aber liebe!“ läuft hier auf eine Art Internationale der Stadtbewohner hinaus, eine gute, eingedickte Heimatliebe à la Menasse, indes sein Bergbauer, man wird nicht recht klug, ein wenig im Landregen steht. Der Gegner ist der Nationalist, denn er verkörpert die schlechte Heimatliebe, nämlich die Angst vor dem Andern, die Empathielosigkeit, den Wunsch, die bedrohlichen Fremden möchten im Mittelmeer ersaufen.
Eine Zeitlang muss sogar die Demokratie, wenns nach Menasse geht, ersaufen. Das sagt er nicht in diesem Interview, das hat er 2012 in einem Essay mit dem Titel Der europäische Landbote geschrieben. Um den Nationalstaat zu überwinden, müsse man sich mit dem Gedanken anfreunden, die Demokratie erst einmal zu vergessen und ihre Institutionen, soweit sie nationale Institutionen seien, abzuschaffen. Dieses Modell der Demokratie sei dem Untergang zu weihen. „Wir müssen“, schrieb er, „dieses letzte Tabu der aufgeklärten Gesellschaften brechen: dass unsere Demokratie ein heiliges Gut ist.“
Hier im Interview sagt Menasse, einem blossen Antisemiten seien Juden nicht austauschbar, er wolle keine Juden und Punkt. Dem Nationalisten hingegen, dem Mörder der edlen Sehnsucht nach Solidarität, so umschreibt er ihn, seien die Feindbilder austauschbar, gestern die Juden, heute die Moslems und morgen „die Homosexuellen, die heiraten dürfen“.
Halt ein vielschichtiger Romancier. Er kennt sogar die Träume der Insassen von Auschwitz. Aber schön der Kurve nach: Laut Menasse hat das Vernichtungslager Auschwitz nicht nur seine Insassen vernichtet, sondern ebenso die Idee nationaler Identität:
„Zugleich ist just hier die Idee von nationaler Identität auch vernichtet worden - denn hier war es egal, ob man Deutscher, Pole, Spanier, Österreicher, Russe, Italiener oder was auch immer war, hier lebten alle im Schatten desselben Todes und hier vereinte alle derselbe Traum: ein Leben auf diesem Kontinent in Rechtssicherheit und Würde.“
Jo mei. In einer 2014 aufgezeichneten Diskussion zum Thema Darf Europa scheitern? lastet er die furchtbarsten Kriege allesamt dem Nationalismus an. „Mit der Nationswerdung“, spricht er, „sind zum ersten Mal mit nationalistischer Aggression Söldnerheere aufeinander losgestürmt und ganze Völker übereinander hergefallen.“ Im Vergleich dazu seien die Kriege der Vormoderne „Schachspiele auf dem Rasen“ gewesen. Ja, er hat schon da sein Thema drauf. Er will auch da schon „supranationale Institutionen bilden, die Nationen irgendwie dazu bringen, Souveränitätsrechte abzugeben, bis sie absterben.“ Auf diese Weise lasse sich „eine Verflechtung der vormaligen Nationen herstellen, wo dann Interdependenzen entstehen, wo sich dann keine ehemalige Nation mehr erlauben kann, ohne sich selbst zu zerstören andere aggressiv zu überfallen.“
Menasse hat 2019 die „Zuckmayer-Medaille für Verdienste um die deutsche Sprache und das künstlerische Wort“ verliehen bekommen. Es ist der Verleihung einiges Hinundher um ein paar Zitate des ersten Kommissionspräsidenten der damaligen EWG, Walter Hallstein, vorausgegangen und ebenso um eine Rede, die der Politiker gemäss Menasse in Auschwitz gehalten haben soll, es aber nicht getan hat. Man hat es dann irgendwie hingebogen, Menasse hat sich ein bisschen entschuldigt, die Auschwitzrede sei ein Hörensagen, und die Zitate, könnte man sagen, eine Interdependenz seines Einfühlungsvermögens in eine historische Persönlichkeit gewesen, oder so irgendwie, die Verleihung konnte über die Bühne gehen.
Ob die Wirklichkeit seiner Verdienste um die deutsche Sprache vielleicht auch ein bisschen anders ist als die Realität? Eine Metapher gelingt ihm im Interview, und doch wieder nicht so recht.
„Die Arche“, eine Abteilung beflissener EU-Angestellter in seinem Roman, die wie Noahs Arche, so das imaginierte Bild, schlingernd durch die Stürme treibt und Menschen aus Seenot rettet, „über alle Stürme und Fluten der Weltenläufte“.
Nur kennt sie kein Ziel und kein sicheres Land. Die Arche will nur retten, genauso wie Juncker, immer nur gerade retten. Delors dagegen, der habe noch Europa ins Trockene bringen wollen. „Die Arche“ aber, man hat immer noch das schlingernde Schiff vor Augen, spannt in der Sintflut nur den Regenschirm auf und Juncker verhandelt dessen Grösse.
Nun ja, Regenschirme auf Noahs Arche. Das Meer passt nicht in den Regenschirm.
Menasse will „von den Menschen erzählen“. Wir sollten endlich begreifen, dass die Getriebenen auch die Treiber und ihre Reaktionen die Auslöser der Reaktionen seien, auf die sie keine Alternativen sähen, und die Mitläufer seien die Täter; alles in einem Schnauf. Und die Nationalisten, gehts gleich weiter, die bei diesen Verwerfungen ihr politisches Kleingeld machten, seien die Arschlöcher. So seien, schliesst das Interview mit Menasse, Halbgut und Böse klar definiert.
Gott, sagt Menasse andernorts in einem Aufsatz über Literatur, sei leichter zu erklären als zum Beispiel Kafka. Kafka sei komplexer als jede unserer Vorstellungen von Gott. Das müsse man sich einmal klarmachen.
Irgendwie kann man sich auch den Menasse nicht recht klarmachen.
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