top of page

Scarp und der Clown

Aktualisiert: 17. Juni 2021

Scarp überquert eine Brücke, die hat kein Geländer; flach über den schwellenden Strom wie eine Leiter von Felsen zu Felsen gelegt eine Brücke.

An das kahle Gestein klatscht die Gischt, sein Fuss rutscht auf den glitschigen Sprossen, mit Ächzen biegt sich die Leiter den Strudeln entgegen und bricht; fest hält ihn ein rettender Strunk.

Doch das Wasser befiehlt ihn, tosende Worte, hinab in den Grund; kräftig wird Scarp, bäumt er sich gegen den Wind, er hangelt durch Schächte, jauchzt. Da bläht sich im Schauer des Tobels von Wogen gerüttelt ein mächtiges Zelt; er kommt auf die Kuppel zu stehen, tanzt - und fällt hin; an der Plane krallt er sich fest, zwängt sich hindurch, frenetisches Klatschen im Ohr, die tosenden Worte; hängt turmhoch innen am flatternden Dach, von Schwaden aufspritzenden Lichts gepackt; aus der Tiefe johlt eine flutende Masse, Applaus brandet auf, Pfiffe wie jagende Schüsse, es gilt seinen Tod; knapp hält sich Scarp an den Streben des Zelts.

Da, durchs gleissende Licht, als wär sie von hoher Wand gestossen, kommt eine Leiter gestürzt; eine Faust um die funkelnde Stange, schräg ein Bein auf dem Tritt, das andre gestreckt in der Luft, kämpft mit ruderndem Arm ein Clown um sein Leben. Scarp greift nach dem Holm, geblendet fasst er die Leiter, ehe sie noch in der Tiefe zerschellt, springt auf und rettet, selber nun plötzlich geplusterter Clown, mit seinem Gegengewicht dem andern das Leben.

Seite an Seite schwanken sie, kippen sie jäh, Spiegelbild, Bruderbild in ihrem dicken Kostüm, fast von der Leiter zu Tode und halten sich doch in der Schwebe. Taumelt der eine zur Seite, lehnt sich der andre dagegen ins Kreuz, verliert dieser im Rückschlag den Tritt, reisst ihn der andre am Saume zurück.

Bang um ihr Leben, blindgetaucht in klatschendes Licht, in einen knallenden Touche, im Lärm und Gelächter des tobenden Volks stehen sie zittrig schliesslich in der Manege, verbeugen sich knapp, rufen jeder ein Ha! und watscheln und rennen in ihren dicken Kostümen davon.


Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
Die Sprachkritik im Hinterhof

Teil III (Schluss) Alles nicht wahr, alles nicht wahr! kreischte es mit einem Mal aus heiserem Munde und so laut, dass sich der Rezensent, der gleich daneben sass, die Ohren zuhielt. Im Widerschein

 
 
 
Die Sprachkritik im Hinterhof

Teil II Unschlüssig, ob er entgegnen oder schweigen solle, da sein Gegner jetzt innehielt und sich erschöpft am Tisch aufstützte, langte der Rezensent in seine Jacke, fand dort ein Päckchen Tabak und

 
 
 
Die Sprachkritik im Hinterhof

Teil I Über dem Satz „Der Verwalter des kleinen Hotels, in dem ich wohnte, wollte es renovieren“ entbrannte in einer Abendgesellschaft unter zwei Koryphäen ein Streit. Es hatte ihn ein Rezensent auf d

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
  • Facebook
  • Twitter
  • LinkedIn

©2020 Reimers Blog. Erstellt mit Wix.com

bottom of page