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Zustände

Lange Zeit hatte er den Schein bewahrt, dazuzugehören, versucht, sich mit dem Sound von Plattitüden und Floskeln nach Ansage, dem Klatsch und Tratsch nach Schlagzeilen anzufreunden, wollte er sich doch nicht gänzlich seinem Eigensinn, der darin bestand, dass ihn das Geplauder bei einem Abendessen mit Bekannten schmerzlich belastete und zum Himmel langweilte, hergeben. Die Aussicht auf den Absturz, der folgen würde, hielt ihn davon ab, Bekanntschaften zu quittieren, Mitmenschen zu meiden oder Einfaltspinsel vor den Kopf zu stossen. Er übte sich im Spiel, gab sich schmiegsam, wenn es wieder einmal einzig allein und stundenlang darum ging, was wo billiger und zugleich besser sei, wer wann wohin fahre und was es dort gäbe, oder auch einfach, wer wen woher kenne. Seine Schmiegsamkeit wurde immer wieder von einem Schauder, einem Schub kurzer Verzweiflung erschüttert, vor allem dann, wenn er gewahr wurde, wie allein er mit seiner Empfindung war, wie unmöglich sein Missmut, offenbarte er ihn, für seine Bekannten zu verstehen wäre. Er befand sich - so hatte er nach langer Erforschung der psychologischen Gemengelage herausgefunden - schlicht und einfach in einem anderen Zustand als die Bekannten und Freunde um ihn herum. Was ihnen selbstverständlich schien, erweckte ihm das Grauen, wo sie lachten, beschlich ihn Groll. Smalltalk war für ihn, dauerte der Wortwechsel länger als fünf Minuten, keineswegs ein lockerer Schwatz, sondern – und das ist nicht übertrieben - ein Höllenritt, wobei es nicht so war, dass ihm die passenden Worte nicht in den Sinn kamen, wusste er doch sehr wohl, was wann wo wie gesagt werden musste. Ihre Welt war ihm ein Korsett, wo er eingepfercht bleiben würde, solange sich die Situation nicht änderte. Entweder musste er versuchen, mit Kraft und Wille seinen Zustand zu ändern. Oder er fand andere Freunde. Solche, die so waren wie er.

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