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Der Punkt vor dir
Ihm schien, als kreise das Leben seiner Kollegin um einen Punkt, der irgendwo vor ihr auf Schulterhöhe irrlichterte. Sprach sie, streckte sich ihre Nase wie der Schnabel einer Giesskanne zu diesem Punkt hin. Es war einfach, mit ihr auszukommen. Man musste sich nur auf diesen Punkt konzentrieren. Ein Ort, an dem unablässig geplaudert und gelacht wurde, der alle Fröhlichkeit auf sich zog. Schönen wundervollen guten Morgen, lieber Kollege! Hier ist deine liebe Kollegin! Zurückha
Caspar Reimer
vor 42 Minuten2 Min. Lesezeit
Jungs
Andreas (Res) Ich möchte ihm mütterlich die zu langen Ärmel umkrempeln. Sie fallen ihm immer wieder über die Hände, während er uns gestikulierend seine klugen Gedanken vorträgt. (Dezember 1981) Andreas (Andi) Bei einem befreundeten Ehepaar treffe ich den überaus hübschen Jungen Andi, der wie ich hier zu Gast ist. Zu dritt sitzen sie auf dem Boden, barfuss, die Hände stützend hinter sich. Und der Vierte, ich, hoch zu Stuhl und immer noch in Schuhen. Ich r
Roland Müller
vor 1 Stunde3 Min. Lesezeit
Die Sprachkritik im Hinterhof
Teil III (Schluss) Alles nicht wahr, alles nicht wahr! kreischte es mit einem Mal aus heiserem Munde und so laut, dass sich der Rezensent, der gleich daneben sass, die Ohren zuhielt. Im Widerschein einer Lichtanlage, die sich über der Kellertreppe eingeschaltet hatte und die Szene wie ein Bühnenlicht erhellte, behauptete jemand Unerhörtes und wiederholte es dem Entrüsteten vor aller Augen; dass nämlich seine Nachbarn aus Eritrea Sonntag für Sonntag ihre Kinder einschlössen,

Daniel Costantino
vor 1 Stunde5 Min. Lesezeit
Die Heimat in der Heimatlosigkeit
Wer an eine Gemeindeversammlung geht, gehört wohl irgendwie dazu. Ist im Herzen der Gesellschaft angekommen. Oder war schon immer dort. Jener weiss, welche Debatten in den Neunzigern um eine neue Strassenbeleuchtung geführt wurden, wer sich vor zehn Jahren für die Schulraumplanung ausgesprochen hatte und wer dagegen, jener kennt die Geschichte der Fussgängerbrücke beim Kreisel am Dorfeingang, deren Sanierung immer wieder zurückgestellt wurde. Das war eine leidige Geschichte.
Caspar Reimer
17. Juni3 Min. Lesezeit
Träume
„Wenn im Schlaf das Bewusstsein einschlummert, erwacht im Traum die Existenz.“ (Michel Foucault) Träume Sie vervollständigen mich, obwohl von ihnen bei Tage wenig übrig bleibt. Aber sie waren da. Wenn ich nun - einerseits - den Traum im Wachen weitgehend vergesse, so verhält es sich - andererseits - doch so, dass ich mich im Traum auf sonderbare Weise an mich erinnere, oder, überspannt gesagt, meiner gedenke. (Januar 2017) Wo ist der Traum geblieben?
Roland Müller
17. Juni2 Min. Lesezeit
Die Sprachkritik im Hinterhof
Teil II Unschlüssig, ob er entgegnen oder schweigen solle, da sein Gegner jetzt innehielt und sich erschöpft am Tisch aufstützte, langte der Rezensent in seine Jacke, fand dort ein Päckchen Tabak und seine Pfeife vor, legte beides auf den Tisch und führte dann, den andern im Blickwinkel behaltend, die Pfeife zum Päckchen wie eine Schaufel zur Grube, bis sie mit dem ganzen Kopf darin verschwand, und begann sie mit nestelnden Fingern zu stopfen. Doch der Gastgeber, von jemandem

Daniel Costantino
17. Juni5 Min. Lesezeit


Schwatz zum Sonntag
Die Frage «Kann das schon alles gewesen sein?» setzt voraus, dass es einem irgendwie gut geht. Sie ist ein Trost und eine Aufforderung zugleich. Ein paar Sonnenstrahlen, Sommerfarben, ein laues Lüftchen und die Einsicht, dass noch Zeit bleibt. Achtsamkeit ist das Zauberwort. Für sich selbst und die Welt. Das wünscht sich jeder Psychiater, der seinen Patienten Tabletten verteilt: vom Wrack in eine zufriedene Existenz mit Plänen. Da liegt, falls das Geld reicht, noch ein Abente
Caspar Reimer
10. Juni2 Min. Lesezeit
Witze
Theorien über Witze haben es schwer, ernst genommen zu werden. (Oktober 2013) Beim Witzeerzählen gibts keine Vorsicht. Das Trübe kommt ganz ungefiltert daher. Aber die frechen Gesichter hellen sich auf. (Oktober 2017) Die besten Witze sind die, die das eigene Besondere betreffen. Also: Schwule lachen über Schwule, Blondinen über Blondinen (manchmal), Juden über Juden sowieso. Aber: Fromme über Fromme? (April 1996) Humorlose bringen einen immer wi
Roland Müller
10. Juni1 Min. Lesezeit
Die Sprachkritik im Hinterhof
Teil I Über dem Satz „Der Verwalter des kleinen Hotels, in dem ich wohnte, wollte es renovieren“ entbrannte in einer Abendgesellschaft unter zwei Koryphäen ein Streit. Es hatte ihn ein Rezensent auf die Frage eines Anwesenden hin zitiert, womit er sich denn gerade beschäftige. Mit Ionesco, kam die Antwort. Dem Solitaire, seinem einzigen Roman. Und dann sprach er diesen Satz in die Runde, die sich um zwei lange Holztische im Winkel eines Hinterhofs gruppierte. Er wiederholte i

Daniel Costantino
10. Juni4 Min. Lesezeit
Im deutschen Gartenbad
Neulich im Gartenbad zeigte sich das Leben von der versöhnlichen Seite. Eigentlich geschah nichts. Und dieses Nichts war ihm nicht bedrohlich, nein: Die Langeweile nahm ihn bei der Hand und zeigte ihm die Existenz. Ja, so war es. Er hatte keinen Stress: Die meisten Schulden waren abbezahlt und er hatte ein regelmässiges Einkommen. Was will man mehr? Er lag auf dem Rücken, spürte das warme Gras und schnupperte ein Lüftchen, studierte das Grün der Baumkrone und die Muster der V
Caspar Reimer
27. Mai3 Min. Lesezeit
Über das Schreiben
Das Tagebuch - die Gedankenbrut im melancholischen Nest. (Januar 2012) Ein Wahn: zu glauben, man müsse schreiben (mit der Ahnung einer existenziellen Dringlichkeit). Dabei würde man den Tag auch so ganz ordentlich überstehen. (November 2014) Manche Tage sind so gut, dass jede Notiz über sie ein Makel wäre. (Januar 2000) Das jederzeit Erlösende eines guten Gedankens! (September 2016) Schreiben, immer wieder, ist so etwas wie „an den Ding
Roland Müller
27. Mai1 Min. Lesezeit
Kratzer mit Rührei
Dass ein Zusammengekratztes, in die strenge Ordnung des Besitzes gezwängt, nach und nach als ein Zusammengehörendes erscheint, nun gut. Aber wie kommts, dass Menschen wie Sklaven in diese Ordnung sich fügen und wie in etwas Unumstössliches schicken? Dass ihnen daraus ein Wohlbefinden erwächst und aus den Besetzten Besessene werden, die für fremden Besitz ihr Blut hergeben, als wäre es das Natürlichste der Welt? Wie kann sichs ihnen gehören dazuzugehören, wenn ihnen garnichts

Daniel Costantino
27. Mai2 Min. Lesezeit


Zug spielen
Als Kind spielte er manchmal Zug. Dabei gab es keine Modelleisenbahn. Das wollte er gar nicht. Der Zug fuhr in seinem Kopf. Er gab Struktur, Halt und immer etwas zu tun. Ging er mit der Familie zu Berge, legte er sich Route und Fahrplan zurecht, rechnete es so aus, dass Zugfahrt und Wanderung zur gleichen Zeit endeten. Es war die Schöpfung einer Parallelwelt, die es ihm ermöglichte, von der einen Welt, gab es da eine Durststrecke, in die andere zu wechseln. Die Zugfahrten in
Caspar Reimer
20. Mai1 Min. Lesezeit
Beiläufiges zu Kunst und Musik
Alberto Giacometti Habe mir eben einen Film über einen Photographen angeschaut, der im Bergell an die tausend Photos von Tal und Leuten gemacht haben soll. Da kommt natürlich auch Alberto Giacometti ins Bild, der von hier stammt und auch in seiner Pariser Zeit oft hier weilte. Er liess sich dann jeweils von den Dorfkindern Draht bringen, um den herum er mit Gips diese schmalen Figürchen bastelte, die erstaunlicherweise etwas Gelungenes an sich hatten. (Dezember 2013)
Roland Müller
20. Mai2 Min. Lesezeit
Schnipsel für Auge und Ohr
Manches liest man, manches hört man. Vieles Gehörte kriegt man niemals zu lesen. Kann es dann wahr sein? Diese Frage verrät, dass man den Schlingen seiner Erziehung niemals entkommt: Nur auf das, was schwarz auf weiss geschrieben steht, sei Verlass. Was für ein Trugschluss. Und erst recht, nach dieser Entdeckung den Rückschluss zu ziehen, auf das Gehörte sei desto besserer Verlass. Mit der Zeitung, gelogen oder gebogen, stopft man sich zu, bis das Gelesene Schnipsel um Schn

Daniel Costantino
20. Mai2 Min. Lesezeit
Rainer
Rainer, 39, gross gewachsen und stets frisch rasiert, lebt nun schon seit gut siebzehn Jahren in unserem Land. Indem er sich damals eine lukrative Stelle bei einer Versicherung ergatterte, konnte er der trost- und arbeitslosen ostdeutschen Tristesse entfliehen und nach einiger Zeit sogar die Kaderposition eines pensionierten Kollegen übernehmen. Die Qualifikationen hierfür hatte er doch allemal. Und ja, jetzt ist es endlich soweit: Dank den glücklichen Fügungen des Schicksals

Michael Bürgin
15. Mai2 Min. Lesezeit
Zu Fernsehkrimis
Die in Krimis Involvierten sind (meistens) nicht von Natur aus mörderisch oder auch nur interessant in irgendeiner Weise. Es sind sozusagen Passanten, die Verdacht erregen. In der zur Verfügung stehenden Filmdauer, also in aller Eile, werden sie, sozusagen rückwärts in der Zeit, zu Tätern präpariert. (Februar 2013) Man lässt sich von Krimis unterhalten. Und je mehr Tode, desto weniger gehen sie einen an. Und d e r Tod im ausserunterhaltungsmässigen Sinne wird nicht
Roland Müller
13. Mai2 Min. Lesezeit
Das Schachbrett des Wahnsinns
Wenn er schreibt, treibt ihn die Schwulst, wenn er spricht, sticht ihn der Hafer. Auch da dreht er auf, Sprechen als Vorstufe zum Schreiben. Den Werterhalt des Vermögens schützen, sagt er etwa. Und wie er den Erhalt schützt statt der Sache selbst, führt er einen Dialog ohne zu sprechen, ohne ihn auszusprechen, heisst das: einen „unausgesprochenen Dialog mit dem Publikum“. Man könne nicht einfach nur an der Oberfläche herumsurfen, redet er weiter, man müsse sich grundsätzliche

Daniel Costantino
13. Mai4 Min. Lesezeit
Notizen 12
KI Die KI generiert Texte, Bilder und Musik. In Sekundenschnelle. Ich gehöre noch zu jenen, die Artikel für die Zeitung quasi von Hand schreiben. Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Wendung für Wendung, Satz für Satz. Ich gebe mir Mühe und fühle mich schlau dabei. Das hat etwas Rührendes und Lächerliches zugleich. «Einen Artikel schreiben? Ha! Wie peinlich ist das denn! Ey Alter, wach auf!» Ich spiele gern mit dem Feuer: Neulich hatte ich eigene Texte der KI zur Interpret
Caspar Reimer
13. Mai2 Min. Lesezeit
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Fotos: www.pixabay.com
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