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Barfuss
Man muss sich immer neu erfinden. Das scheint mir der einzige Weg, um der Vorhersehbarkeit, der Monotonie und der Trägheit zu entrinnen. Dieses Vorhaben zeitigt Wunderliches: Neulich habe ich damit angefangen, barfuss Spaziergänge zu unternehmen. Der Rest des Körpers ist in gepflegte Kleidung gehüllt. Dieser stilistische Bruch am unteren Ende sorgt für Irritation bei den Passanten, und mir geht’s gut dabei. Seither sehe ich mich selbst mit anderen Augen, kenne mich gar nicht.
Caspar Reimer
vor 4 Stunden1 Min. Lesezeit
Persönlicher Gott; Gebete und Lobpreisungen
Persönlicher Gott „Ich schuf die Welt in ursprünglicher Vollkommenheit“, singt Gott Vater vom Cembalo aus. (2001) Es bleibt eine nicht ganz geheure Vorstellung: Ein Gott, der auf mich (ja mich!) in irgendeiner Form reagiert. (2002) Dass ein Gott mir übel wolle oder gar Gutes tun - welch eine Annahme! Man denkt an Launen. (2006) Gott - diese immer wieder falsch verstandene... Prominenz? (2008) Gebete & Lobpreisungen Er ertappte
Roland Müller
vor 4 Stunden1 Min. Lesezeit
günter grass: beim häuten der zwiebel
(2006) auf seite 7, ganz am anfang des ersten kapitels, behauptet grass: 'auf engem raum wurde meine kindheit beendet, als dort, wo ich aufwuchs, an verschiedenen stellen zeitgleich der krieg ausbrach'. er schreibt: 'mit ehernen worten wurde in einer parterrewohnung, die teil eines dreistöckigen miethauses im langfuhrer labesweg war, das ende meiner kinderjahre ausgerufen.' und er sagt: 'sogar die uhrzeit wollte unvergesslich sein.' mit dem ersten satz rennt er natürlich sämt

Daniel Costantino
vor 4 Stunden12 Min. Lesezeit
Gott. Annäherungen & Entfernungen
Gott glaubt an seine Schöpfung, ich glaube freundlich zurück. (2008) Wie kann man’s mit Gott halten, gläubig sein? - Wohl, indem man sich als Geschöpf fühlt, fühlen darf. (2019) Der Gläubige bekennt, „im Stande der Gnade zu sein“. Nun braucht es nur noch diese kleine Anstrengung, „als Ebenbild Gottes“ glaubwürdig zu sein. (2014) Der Glaube macht selig. Was es zu gewinnen gibt, ist mehr, als was auf der Hand liegt. (2018) Bist du religiö
Roland Müller
1. Juli1 Min. Lesezeit
Phantome
Muss Literatur politisch sein? Sie sei es sowieso, antwortet die Autorin Mithu Sanyal. Eine Literatur sei entweder bewusst oder „einfach nur so“ politisch. Denn Politik sei eine weder aus dem Leben noch aus Geschichten wegzudenkende Dimension. Gut. Dann ist natürlich auch die Beschreibung einer Bananenschale auf dem Trottoir politisch. Und vom Niedergang der Linken zu berichten, würde sich von einem Versuch über die Eisdiele in nichts unterscheiden. Ist jede Literatur und sow

Daniel Costantino
1. Juli2 Min. Lesezeit
Der Punkt vor dir
Ihm schien, als kreise das Leben seiner Kollegin um einen Punkt, der irgendwo vor ihr auf Schulterhöhe irrlichterte. Sprach sie, streckte sich ihre Nase wie der Schnabel einer Giesskanne zu diesem Punkt hin. Es war einfach, mit ihr auszukommen. Man musste sich nur auf diesen Punkt konzentrieren. Ein Ort, an dem unablässig geplaudert und gelacht wurde, der alle Fröhlichkeit auf sich zog. Schönen wundervollen guten Morgen, lieber Kollege! Hier ist deine liebe Kollegin! Zurückha
Caspar Reimer
24. Juni2 Min. Lesezeit
Jungs
Andreas (Res) Ich möchte ihm mütterlich die zu langen Ärmel umkrempeln. Sie fallen ihm immer wieder über die Hände, während er uns gestikulierend seine klugen Gedanken vorträgt. (Dezember 1981) Andreas (Andi) Bei einem befreundeten Ehepaar treffe ich den überaus hübschen Jungen Andi, der wie ich hier zu Gast ist. Zu dritt sitzen sie auf dem Boden, barfuss, die Hände stützend hinter sich. Und der Vierte, ich, hoch zu Stuhl und immer noch in Schuhen. Ich r
Roland Müller
24. Juni3 Min. Lesezeit
Die Sprachkritik im Hinterhof
Teil III (Schluss) Alles nicht wahr, alles nicht wahr! kreischte es mit einem Mal aus heiserem Munde und so laut, dass sich der Rezensent, der gleich daneben sass, die Ohren zuhielt. Im Widerschein einer Lichtanlage, die sich über der Kellertreppe eingeschaltet hatte und die Szene wie ein Bühnenlicht erhellte, behauptete jemand Unerhörtes und wiederholte es dem Entrüsteten vor aller Augen; dass nämlich seine Nachbarn aus Eritrea Sonntag für Sonntag ihre Kinder einschlössen,

Daniel Costantino
24. Juni5 Min. Lesezeit
Die Heimat in der Heimatlosigkeit
Wer an eine Gemeindeversammlung geht, gehört wohl irgendwie dazu. Ist im Herzen der Gesellschaft angekommen. Oder war schon immer dort. Jener weiss, welche Debatten in den Neunzigern um eine neue Strassenbeleuchtung geführt wurden, wer sich vor zehn Jahren für die Schulraumplanung ausgesprochen hatte und wer dagegen, jener kennt die Geschichte der Fussgängerbrücke beim Kreisel am Dorfeingang, deren Sanierung immer wieder zurückgestellt wurde. Das war eine leidige Geschichte.
Caspar Reimer
17. Juni3 Min. Lesezeit
Träume
„Wenn im Schlaf das Bewusstsein einschlummert, erwacht im Traum die Existenz.“ (Michel Foucault) Träume Sie vervollständigen mich, obwohl von ihnen bei Tage wenig übrig bleibt. Aber sie waren da. Wenn ich nun - einerseits - den Traum im Wachen weitgehend vergesse, so verhält es sich - andererseits - doch so, dass ich mich im Traum auf sonderbare Weise an mich erinnere, oder, überspannt gesagt, meiner gedenke. (Januar 2017) Wo ist der Traum geblieben?
Roland Müller
17. Juni2 Min. Lesezeit
Die Sprachkritik im Hinterhof
Teil II Unschlüssig, ob er entgegnen oder schweigen solle, da sein Gegner jetzt innehielt und sich erschöpft am Tisch aufstützte, langte der Rezensent in seine Jacke, fand dort ein Päckchen Tabak und seine Pfeife vor, legte beides auf den Tisch und führte dann, den andern im Blickwinkel behaltend, die Pfeife zum Päckchen wie eine Schaufel zur Grube, bis sie mit dem ganzen Kopf darin verschwand, und begann sie mit nestelnden Fingern zu stopfen. Doch der Gastgeber, von jemandem

Daniel Costantino
17. Juni5 Min. Lesezeit


Schwatz zum Sonntag
Die Frage «Kann das schon alles gewesen sein?» setzt voraus, dass es einem irgendwie gut geht. Sie ist ein Trost und eine Aufforderung zugleich. Ein paar Sonnenstrahlen, Sommerfarben, ein laues Lüftchen und die Einsicht, dass noch Zeit bleibt. Achtsamkeit ist das Zauberwort. Für sich selbst und die Welt. Das wünscht sich jeder Psychiater, der seinen Patienten Tabletten verteilt: vom Wrack in eine zufriedene Existenz mit Plänen. Da liegt, falls das Geld reicht, noch ein Abente
Caspar Reimer
10. Juni2 Min. Lesezeit
Witze
Theorien über Witze haben es schwer, ernst genommen zu werden. (Oktober 2013) Beim Witzeerzählen gibts keine Vorsicht. Das Trübe kommt ganz ungefiltert daher. Aber die frechen Gesichter hellen sich auf. (Oktober 2017) Die besten Witze sind die, die das eigene Besondere betreffen. Also: Schwule lachen über Schwule, Blondinen über Blondinen (manchmal), Juden über Juden sowieso. Aber: Fromme über Fromme? (April 1996) Humorlose bringen einen immer wi
Roland Müller
10. Juni1 Min. Lesezeit
Die Sprachkritik im Hinterhof
Teil I Über dem Satz „Der Verwalter des kleinen Hotels, in dem ich wohnte, wollte es renovieren“ entbrannte in einer Abendgesellschaft unter zwei Koryphäen ein Streit. Es hatte ihn ein Rezensent auf die Frage eines Anwesenden hin zitiert, womit er sich denn gerade beschäftige. Mit Ionesco, kam die Antwort. Dem Solitaire, seinem einzigen Roman. Und dann sprach er diesen Satz in die Runde, die sich um zwei lange Holztische im Winkel eines Hinterhofs gruppierte. Er wiederholte i

Daniel Costantino
10. Juni4 Min. Lesezeit
Im deutschen Gartenbad
Neulich im Gartenbad zeigte sich das Leben von der versöhnlichen Seite. Eigentlich geschah nichts. Und dieses Nichts war ihm nicht bedrohlich, nein: Die Langeweile nahm ihn bei der Hand und zeigte ihm die Existenz. Ja, so war es. Er hatte keinen Stress: Die meisten Schulden waren abbezahlt und er hatte ein regelmässiges Einkommen. Was will man mehr? Er lag auf dem Rücken, spürte das warme Gras und schnupperte ein Lüftchen, studierte das Grün der Baumkrone und die Muster der V
Caspar Reimer
27. Mai3 Min. Lesezeit
Über das Schreiben
Das Tagebuch - die Gedankenbrut im melancholischen Nest. (Januar 2012) Ein Wahn: zu glauben, man müsse schreiben (mit der Ahnung einer existenziellen Dringlichkeit). Dabei würde man den Tag auch so ganz ordentlich überstehen. (November 2014) Manche Tage sind so gut, dass jede Notiz über sie ein Makel wäre. (Januar 2000) Das jederzeit Erlösende eines guten Gedankens! (September 2016) Schreiben, immer wieder, ist so etwas wie „an den Ding
Roland Müller
27. Mai1 Min. Lesezeit
Kratzer mit Rührei
Dass ein Zusammengekratztes, in die strenge Ordnung des Besitzes gezwängt, nach und nach als ein Zusammengehörendes erscheint, nun gut. Aber wie kommts, dass Menschen wie Sklaven in diese Ordnung sich fügen und wie in etwas Unumstössliches schicken? Dass ihnen daraus ein Wohlbefinden erwächst und aus den Besetzten Besessene werden, die für fremden Besitz ihr Blut hergeben, als wäre es das Natürlichste der Welt? Wie kann sichs ihnen gehören dazuzugehören, wenn ihnen garnichts

Daniel Costantino
27. Mai2 Min. Lesezeit
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Fotos: www.pixabay.com
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